Wölfe in Brandenburg

April 15, 2016

Kommt das Thema „Wölfe und Brandenburg“ auf, denken viele Zeitgenossen sofort an Rainald Grebe und sein Lied „Es soll wieder Wölfe in Brandenburg geben.“ Mit dem Geschäftsführer des „Forum Natur Brandenburg“, Gregor Beyer, sprach Volkert Neef, Redakteur des Berliner City Report.
 

Herr Beyer, die Wölfe kehren wieder nach Brandenburg zurück, womit müssen wir rechnen?

Beyer: „Zunächst einmal muss man deutlich sagen, dass der Wolf nicht zurückkehrt, er war seit der letzten Eiszeit, also seit rund 10.000 Jahren nie aus dem Gebiet des heutigen Brandenburg vollständig verschwunden. Er wurde allerdings bis 1992, sobald er auftrat, konsequent bejagt, so dass er sich bis auf wenige Ausnahmen nicht reproduzieren konnte und auch keine Rudel gebildet hat. Dieses hat sich seit einigen Jahren gänzlich geändert und insbesondere über die großen ehemaligen Truppenübungsplätze baut er nun eine brandenburgische Population auf. Dieser Trend hält ungebrochen an und es ist davon auszugehen, dass er schon in recht kurzer Zeit wieder flächendeckend in Brandenburg vertreten sein wird.“

Wie viele Wölfe gibt es momentan in Brandenburg und stimmt es, dass erste Tiere schon in Berlinnähe gesichtet wurden?

Beyer: „Die offizielle, durch das sogenannte Wolfsplenum Anfang des Jahres benannte Zahl liegt bei 120 Tieren. Ich halte es bezüglich solcher Zahlen aber lieber mit dem Titel eines bekannten wildbiologischen Fachbuches „Der Wildbestand, die große Unbekannte“ und gehe von einer deutlich höheren Zahl in Brandenburg aus. Richtig ist, dass erste Tiere immer näher an Berlin ran rücken, was entgegen landläufiger Auffassung auch nicht ungewöhnlich ist. Meinen ersten Wolf habe ich vor vielen Jahre in Brasow in Rumänien, einer Stadt mit einer Viertelmillion Einwohnern, gesehen, als dieser gerade die Mülltonnen am Rande einer Plattenbausiedlung geplündert hat.“

Heißt es aber nicht, dass der Wolf von Natur ein scheues Tier sei und den Menschen fürchte?

Beyer: „Das ist eines der vielen Märchen, die leider auch von interessierter Seite bewusst verbreitet werden. Ich empfehle dazu die hervorragende Lektüre „Wölfe in Schlesien“, in der der Autor im vergangenen Jahr auf rund 30 Seiten ohne jede Wertung historische Quellen aus Chroniken zu Wölfen zwischen 1100 bis ins letzte Jahrhundert zusammengetragen hat. Der Wolf ist alles andere als scheu. Er ist entgegen verniedlichender Darstellungen ein aggressiv platzgreifendes Raubtier, das gewillt ist, jeden sich bietenden Lebensraum zu besetzen. Wenn er dabei keine Gegenwehr erfährt, dann wird er über kurz oder lang nicht nur die ländlichen Räume, sondern auch die stadtnahen Bereiche erobern. Das liegt schlicht und emotionslos in seiner Natur!“

Heißt das, dass man anfangen muss, Angst vor Wölfen zu haben?

Beyer: „Ich halte Panikmache für genauso schädlich und unangebracht, wie das verniedlichen eines Raubtieres durch einige Verbände, denen es nach meinem Eindruck weniger um den Wolf, als mehr um die Spenden geht, die sich durch ihn einwerben lassen. Fakt ist, dass gerade wir in Brandenburg einige Lebensräume haben, in der ein Tier wie der Wolf leben kann. Insbesondere denke ich da an unsere großen Truppenübungsplätze und auch an einige große zusammenhängende Waldgebiete. Wenn man will, dann kann man hier gerne das berühmte Zitat des amerikanischen Wildbiologen Aldo Leopold ins Spiel bringen, nach welchem „Wölfe der Geschmack der Wildnis sind“. Der weitaus überwiegende Teil unseres Landes ist und bleibt aber eine durch den Menschen geprägte Kulturlandschaft, in der wir Nahrungsmittel produzieren, Nutztiere halten und in der sich Menschen auch zur Erholung in großer Dichte bewegen. Dort hat der Wolf nichts zu suchen!“

Das bedeutet also, dass man zukünftig aktiv gegen den Wolf vorgehen muss?

Beyer: „Brandenburg war das erste deutsche Bundesland, das sich direkt nach der Wende ein sogenanntes Wolfsmanagement gegeben hat. Leider haben wir dieses Wolfsmanagement zunächst wieder einschlafen lassen und dann vor einigen Jahren hektisch reagiert, als die Wölfe, wie vorausgesagt, anfingen, sich auszubreiten. Nun sind sie da und wir hätten noch genügend Zeit, in aller Ruhe und Sachlichkeit diejenigen Entscheidungen zu treffen, die bei einem weiteren Anwachsen der Wolfspopulationen unausweichlich sein werden. Momentan geben aber politische Interessensgruppen den Ton an, die den Wolf gerne zu einem Schoßhund für die urbane Spendenklientel verklären würden. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, in diese Debatte Vernunft reinzutragen, bevor in Folge eines ersten „Problemwolfs“ der dann unausweichliche politische Aktionismus beginnt.“

Was also genau müsste entschieden werden?

Beyer: „Neben dem bereits bestehenden Wolfsmanagement und den auszubauenden Entschädigungszahlungen an die Nutztierhalter müssen zweifelsfrei drei Entscheidungen getroffen werden. So wie in den meisten Ländern, in denen Wölfe vorkommen, muss auch für Brandenburg eine Obergrenze für die Wolfspopulation bestimmt werden und zudem muss es eine wildökologische Raumplanung geben; sprich, es muss klar sein, wo Wölfe toleriert werden und wo sie nichts zu suchen haben. Und schließlich muss drittens rechtlich verbindlich geregelt werden, wer bei Erreichen der Obergrenze bzw. bei Auftreten von Wölfen in Ausschlussgebieten, die Entnahme dieser Tiere unter welchen rechtlichen Rahmenbedingungen vornimmt!“

Wieso ist letzteres ein Problem? Kann das Management nicht durch die vielen Jäger erfolgen?

Beyer: „Nein, das können die Jäger momentan nicht, da der Wolf nicht dem Jagdrecht unterliegt. Ich halte dieses zukünftig aber für den einzig sinnvollen Weg. Mit dem Jagdrecht haben wir ein bewährtes Instrumentarium, welches sicherstellen würde, dass die Entnahme von Tieren nur nach einem engen rechtlichen Rahmen und unter strenger Überwachung durch die zuständigen Behörden erfolgt. Die Jäger sind diesbezüglich an Managementpläne gebunden und haben bewiesen, dass sie damit verantwortungsvoll umgehen. Zudem sind sie die einzige flächendeckend vorhandene Gruppe, die es fachlich kann, weil genau dafür ausgebildet. Die Gesellschaft würde gut daran tun, auf diese Expertise zurückzugreifen und gleichzeitig die Jäger auch in die Pflicht zu nehmen. Wohlgemerkt, wenn die Population weiter steigt; bis dahin ist das Jagdrecht mit einer ganzjährigen Schonzeit der richtige Weg!“

Diesbezüglich ist aber auch zu hören, dass das insbesondere durch die Gesetze der EU nicht möglich ist!

Beyer: „Wir Deutschen neigen bezüglich der EU-Gesetzgebung immer zu vorauseilendem Gehorsam. In den skandinavischen Ländern gelten die gleichen EU-Gesetze und dennoch erfolgt das Wolfsmanagement dort ganz ähnlich wie von mir beschrieben. Nebenbei gesagt hat das über 11x größere Finnland die Obergrenze für Wölfe auf 220 Tiere bestimmt. Oder nehmen Sie Lettland, wo jeder Wolfsabschuss sogar im Internet bei voller Transparenz veröffentlicht wird. Unsere Umsetzungsdefizite haben mehr etwas mit unserem fehlenden politischen Selbstbewusstsein und der Stärke diverser Interessensgruppen zu tun. Worauf wir zusteuerten ist am Ende ein Kippen der Stimmung und damit ein Schwinden der noch vorhandenen Akzeptanz für den Wolf. Die Verantwortung dafür werden dann die Herrschaften zu tragen haben, die sich hinter der EU verstecken.“

Was wäre Ihr Wunsch für die Diskussion um den Wolf in Brandenburg?

Beyer: „Ich denke in letzter Zeit viel an den berühmten Satz von Robert Ingersoll: „Die Natur kennt weder Belohnung noch Strafe, lediglich Konsequenzen!“ Ich wünsche mir eine solch emotionslose Betrachtung und kein Schielen der Politik auf Belohnung in Form von Beifall aus der einen oder der anderen Ecke. Der Wolf in Brandenburg wird Konsequenzen haben, das ist sicher! Ich hoffe, dass nicht die Strafe für jene folgen wird, die sich diesen Konsequenzen nicht rechtzeitig gestellt haben.“

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