Steinewerfer im Glashaus

Februar 1, 2015

Das nachfolgende Interview ist in der Dezemberausgabe 2014 der DJZ erschienen:
„Steinewerfer im Glashaus“

DJZ: Herr Beyer, Sie kennen sich mit Verbandsarbeit aus. Sie waren 20 Jahre für den Naturschutzbund Deutschland (NABU) tätig. 10 Jahre leiteten Sie erfolgreich das Natur-Erlebniszentrum Blumberger Mühle bei Angermünde und fungierten beim NABU als jagdpolitischer Sprecher. Gab es da keine Konflikte mit Ihrer Passion für die Jagd?

BEYER: Einer meiner ersten verbandspolitischen Entscheidungen, an denen ich seinerzeit maßgeblich mitbeteiligt war, war das Zustandekommen der sogenannten „Erklärung Gut Sunder von DJV und NABU“. Darin erklärten seinerzeit die beiden Präsidenten, Baron Heeremann und Jochen Flasbarth unter anderem: „NABU und DJV erkennen die Berechtigung der Jagd als traditionelle Form der Landnutzung (Nutzung natürlicher Ressourcen) nach den Grundsätzen moderner, naturverträglicher Wildhege an und sprechen sich grundsätzlich für eine nachhaltige Nutzung in der Land-, Forst-, Wasser- und Fischereiwirtschaft sowie in der Jagd aus“! Wir haben es damals geschafft, man glaubt es nach den aktuellen Erklärungen des NABU heute kaum noch, dass das seinerzeit gemeinsamer gelebter Konsens zwischen den Verbänden war. In Brandenburg gab es damals sogar einen gemeinsamen Landesfachausschuss von NABU und LJV, in dem man sich fachlich wie politisch abstimmte. Damals war es im NABU sogar ausdrücklich gewünscht, dass sich die Jagdscheininhaber intensiv in den Verband einbrachten. Die damalige Bundesarbeitsgemeinschaft Wald und Wild war eine der einflussreichsten im Verband und lebte den DJV/NABU Grundsatz; wir sprachen vom „Geist Gut Sunder“ dem wir uns verpflichtet fühlten. Natürlich mussten wir unsere Positionen durchsetzen, und die eine oder andere Schlacht haben wir dabei auch verloren. Ich denke da beispielsweise an das damalige jagdpolitische Grundsatzpapier des NABU, in welchem uns die Bundesdelegiertenversammlung die Liste der jagdbaren Arten zusammenstrich, nachdem eine kleine Gruppe von Ideologen in letzter Minute Stimmung gegen unseren ursprünglichen Antragstext machte. Damals war die „Gruppe der Jäger im NABU“ mit Sicherheit von dem ein oder anderen kritisch beäugt, aber dennoch eine feste und einflussreiche Größe im Verband! Leider ist davon heute nicht mehr viel geblieben!

DJZ: Die großen Naturschutzverbände haben sich öffentlich viel Gehör verschafft und bestimmen bei dem Thema die Politik mit. Die Jagdverbände haben da einen deutlich schlechteren Stand. Was machen die Jagdverbände nach Ihrer Ansicht verkehrt?

BEYER: Ja, das ist leider so und treibt mich seit Jahren um! Auch wenn das ein extrem weites Feld ist, so liegt der Hauptgrund dafür vor allem in der hoch professionellen politischen Lobbyarbeit bei gleichzeitiger perfekter Vernetzung der deutschen Umweltverbände. Während die Landnutzerverbände es seit Jahren nicht schaffen, ihre unterschiedlichen Interessen zu bündeln und mit einer Stimme zu sprechen, spielen die Umweltverbände seit Jahren ein minutiös koordiniertes Spiel über Bande mit perfekt verteilten Rollen. Das basiert auf der Abstimmung der Präsidenten im strategischen Bereich und geht weiter mit der taktischen und operativen Koordination auf der Ebene der Geschäftsführer. Dabei werden die Claims abgesteckt, und selbst wenn sich die Verbände scheinbar widersprechen, steckt auch dann ein Plan dahinter. Hinzu kommt, dass der traditionelle Begriff „NGO“ auf die Umweltverbände nur noch bedingt zutrifft. Eigentlich handelt es sich längst um „Umweltkonzerne“ mit erheblichen eigenwirtschaftlichen Interessen und bester Vernetzung in die Politik und auch in die Wirtschaft. Flankiert wird das mit einer perfekten „Kampagnenfähigkeit“, etwas, was die Landnutzerverbände und auch die Jagd bis heute nicht professionell entwickelt haben! Zudem betreiben die Umweltverbände aktive Lobbypolitik, währen die Landnutzer in der Regel nur passive Lobbypolitik fahren, d. h. sie reagieren meist nur auf das, was aus Politik und Gesellschaft kommt. Nehmen Sie nur das Beispiel der Flächenübertragungen an die Umweltverbände, die mittlerweile zu den größten Landeigentümern in Deutschland gehören: Perfekt politisch eingefädelt, während es die Landnutzer, leider auch der DJV und vor allem die Landesjagdverbände nicht hinbekommen haben, rechtzeitig genug eigene Stiftungsstrukturen aufzubauen um in diesen „Markt“ ebenfalls einzubrechen. Ich würde mir den Vergleich erlauben, die Umweltverbände sitzen mit einer Repetierbüchse auf dem politischen Drückjagdstand und wir Landnutzer jammern darüber, dass wir für unseren Vorderlader keine bleifreie Munition mehr bekommen. Über das unterschiedliche Streckenergebnis dürfen wir uns dann auch nicht wundern! Aber über den politischen Vorderlader sollten wir dringend mal nachdenken!

DJZ: Wir erleben einen Machtkampf zwischen Naturschutz und Jagd. Will der Naturschutz auch rechtlich die Jagd unterordnen, um dann von oben die Regeln festzulegen? Die neuen Positionspapiere von NABU und BUND sind so ausgerichtet.

BEYER: Ja, zweifelsohne ist das eine der strategischen Kampflinien, die die Umweltverbände immer deutlicher verfolgen. Dass zwischenzeitlich NABU und BUND Allianzen mit Gruppierungen eingehen, die vor Jahren noch tabu waren und selbst in NABU-Kreisen als Spinner galten, zeigt das auch sehr deutlich. Leider muss man die aktuellen Positionspapiere des NABU als weitgehende „Kriegserklärung“ an die Jagd auffassen, und die letzte Presseerklärung von Olaf Tschimpke zur „Umweltverträglichkeitsprüfung der Jagd“ ist auch gesellschaftspolitisch eine Unverschämtheit. Die eigenen Wälder des NABU werden nicht FSC-zertifiziert, obwohl der Verband dieses Siegel von den Waldbesitzer fordert; aber von den Jägern wird eine Umweltverträglichkeitsprüfung verlangt. Die Frage ist viel mehr, wo die Umweltverträglichkeitsprüfung war, als der NABU 45 Heckrinder und Pferde im Elbe Hochwasser hat jämmerlich absaufen lassen! Dass der NABU hier zum Steinewerfer im Glashaus geworden ist, hat mich in der Tat auch persönlich extrem geärgert. Allerdings rate ich auch in dieser Debatte mehr wie ein Judoka zu denken! Beispielsweise die alte Debatte um ein Umweltgesetzbuch, welches die gesamte Materie der Landnutzung und Umweltgesetzgebung zusammenführt, beinhaltet nicht nur Risiken, ganz im Gegenteil! Es ist doch am Ende nur die Frage, wer die Regeln festlegt! Wieso nehmen wir den Fehdehandschuh nicht mit dem Willen des Besseren auf und stellen uns der Schlacht! Wenn es den Landnutzern nicht gelingt in Agrar-, Forst-, Fischerei- und Jagdbereich die entsprechenden administrativen und politischen Strukturen zu erhalten, dann ist es am Ende eh egal, wie die Regeln aussehen. Nein, auch hier wird es Zeit, dass wir den Vorderlader stehen lassen und zu Repetierbüchse greifen!

DJZ: Wird nicht vielfach übers Ziel hinausgeschossen, wenn zum Beispiel Beiz- Bau- oder Fallenjagd schlichtweg verboten werden soll? Da würde ohne Not viel Wissen und Kultur einfach über Bord geschmissen.

BEYER: Ja, gerade bei der Beiz– und Fallenjagd toben sich bereits seit Jahren die Ideologen in den Umweltverbänden aus. Die Felder liefern geradezu einen Vorgeschmack auf das, was auch anderswo kommen könnte, wenn wir dem nicht rechtzeitig einen Riegel vorschieben. Ich sehe aber gerade hier seit einiger Zeit Hoffnung. Es gibt in der Gesellschaft einen neu entstehenden Drang nach „Wiederentdeckung“ von Natur, insbesondere, wenn das mit einem kulturellen Anspruch verbunden ist. Wir sollen das nutzen und den Menschen vor Augen führen, dass wir Jäger Handwerker sind, die ein großes Stück unseres kulturellen Erbes bewahren und für zukünftige Generation sichern. „De arte venandi cum avibus“, man muss es den Menschen nur erklären, wobei wir auch hier wieder bei der Kampagnenfähigkeit sind!

DJZ: Die Jagd auf Niederwild ist auf einem Tiefpunkt, beim Schalenwild erleben wir das Gegenteil. Reh- oder Rotwild werden quasi zu Feinden erklärt, weil sie an jungen Bäumen herumknispeln. Wird die Jagd nur noch nach forstlichen Gesichtspunkten ausgerichtet?

BEYER: So sehr ich dafür plädiere, dass wir dem realen Gegner gegenüber mobil machen, so sehr plädiere ich zur Abrüstung innerhalb der eigenen Familie der Landnutzer –und zwar auf allen Seiten, ganz besonders aber zwischen den beiden Brüdern Frostwirtschaft und Jagd! Was wir seit nunmehr über 40 Jahren, genau genommen seit Heilig Abend 1971, seit Horst Sterns Bemerkungen über den Rothirsch, an Auseinandersetzungen zwischen Teilen zweier Landnutzergruppen erleben, die beide nicht ohne den jeweils anderen existieren können, hat etwas mit irrationalen Religionskriegen zu tun. Wir können uns diesen Krieg aber nicht mehr erlauben, dafür sind andere Gegner zwischenzeitlich viel zu mächtig geworden! Wenn wir dieses Problem nicht in den Griff bekommen, dann werden am Ende beide verloren haben. Dazu brauchen wir vor allem wieder viel mehr Gelassenheit! Einem Forstkollegen darf nicht der Kaffee aus dem Gesicht fallen, wenn er ein Reh durch den Busch springen sieht, und ein Jäger muss nicht den Untergang des Abendlandes prognostizieren, wenn der ein oder andere Bock auch im Winter zur Strecke kommt. Es gilt auch hier der alte Lehrsatz, den alle Landesvorsitzenden aller politischen Parteien als Ermahnung an die Parteifreunde kennen: „Der Gegner befindet sich außerhalb des Raums!“

DJZ: Ein Großteil der Verpächter sind Landwirte. Früher eher die Partner der Jäger. Heute weht da ein ganz anderer Wind. Sind die Bauern heute noch die Verbündeten der Jäger oder nur die Abkassierer?

BEYER: Wenn wir erlauben, dass die Bauern nicht mehr die Verbündeten der Jäger sind, dann ist nicht nur die Schlacht, dann ist der Krieg verloren! Auch hier gilt, die Aufgabe der Jagd und der Landnutzerverbände ist politisch extrem weit gefasst. Wir kämpfen zusammen für unsere ländlichen Räume, oder wir werden gemeinsam verlieren! Was mir Sorge bereit ist, dass es überall eine Tendenz dazu gibt, Maß und Ziel zu verlieren. Wenn ich sehe, was sich teilweise am landwirtschaftlichen Bodenmarkt tut oder auch welch falsche Anreize die Umwelt und Energiepolitik setzt, dann wird deutlich, dass Abkassiererei mit Sicherheit kein nachhaltiges Modell ist. Es wird langfristig keine rentable agrarische Landnutzung ohne ordnungsgemäße Bejagung der Wildbestände geben, gelegentlich muss man das auch mal etwas deutlicher sagen!

DJZ: Sie haben in Brandenburg den FDP-Wahlkampf mit dem Slogan „Keine Sau braucht die FDP“ geführt und ehrenhaft verloren. Sie stehen noch voll im Saft. Was kommt jetzt. Auf jeden Fall mehr Zeit fürs Jagen?

BEYER: Wir wussten in Brandenburg, spätestens seit der Wahl in Sachsen, dass der „Drops gelutscht“ ist und wir als Landespartei die Mithaftung für die miserable Bundespolitik von 2009 bis 2013 mitübernehmen mussten. Wir haben uns auch deshalb für den „brutalst ehrlichen Wahlkampf“ entschieden und ich stehe dazu. Es freut mich daher, dass Sie von „ehrenhaft verloren“ sprechen. Genau so haben wir es verstanden, ehrenhaft für die Überzeugungen streiten, unabhängig von den Erfolgsaussichten. Ein gutes Motto auch für Jäger. Man kehrt nicht von jedem Ansitz mit Beute zurück, auch wenn man es vielleicht hätte können. Aber auf alle Fälle kommt man von jedem Ansitz ehrenhaft zurück! In der Tat, mir ist es in den fünf Jahren im Landtag zwar einmal gelungen, Jagdkönig bei der Landesjagd zu werden, aber insbesondere die Ansitzjagd war mehr Opfer als Bestandteil des Terminkalenders. Auch aus diesem Grund hatte ich mit dem Ausscheiden aus dem Landtag im September beschlossen, die Entscheidung über die weitere berufliche Zukunft nicht vor Heiligabend zu treffen, ganz abgesehen davon, dass man nirgends einen freieren Kopf bekommt als auf dem Ansitz! Ich habe vor einigen Jahren bei einem Grußwort beim Landesjägertag mal gesagt: Ich habe einen Traum! Ich habe den Traum, dass ich eines Tages meinem Sohn beibringen werde, wie man den Rothirsch jagt! Dafür zu kämpfen, dass das auch weiterhin in Deutschland möglich ist, dafür alleine lohnt sich schon ein ganzes politisches Leben!

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